Wirtschaftsingenieure – Ideale Unternehmensgründer?

Nicht Bodenschätze, Tourismus oder Finanzwesen haben Deutschland zur innovativen Nation mit den weltweit meisten Exporten gemacht, Deutschland hat sich seine hohe Entwicklung und seinen Wohlstand durch Industrie und technische Innovation erwirtschaftet. Die viert größte Volkswirtschaft der Welt fußt auf Großkonzerne und vor allem auf mittelständische Unternehmen, insbesondere in den Branchen Maschinenbau, Elektrotechnik, Medizintechnik, Luft-/Raumfahrt- wie Fahrzeugtechnik, Verfahrenstechnik, Chemie, Biotechnologie und Informatik.

Neue Trends kommen zunehmend in Dienstleistungsbranchen auf, aber auch das produzierende Gewerbe plus Forschung und Entwicklung bleibt ein beständiger, riesiger Wirtschaftsfaktor Deutschlands. Trends sind häufig Kombinationen mit neuen Ideologien, Anwendungsbezügen und Motivationen (so ist zum Beispiel die “Umwelttechnik” eine Mischung aus verschiedenen Ingenieurdisziplinen, sinnvoll kombiniert zur Erzielung einer besseren Umweltverträglichkeit menschlicher Lebensumstände).

Technologie hat Deutschland nicht nur ein weltweit beneidetes Exportgeschäft eingebracht, Technologie und Innovation hat auch zur höheren Lebenserwartung und zum höhren Lebensstandard in Deutschland und im Ausland verholfen. Technologie ist nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern auch einer gesellschaftlicher Art.

Deutschland braucht Gründer, vor allem solche, der innovationsschaffenden Sorte. Nicht zuletzt durch diese Motivation, wagen Gründer in Deutschland den Auf- und Ausbau eines eigenen Innovationsunternehmens.

Der harte Weg der Selbstständigkeit

Unternehmer sein, bedeutet, etwas zu unternehmen und den dafür ausrechend lang anhaltenden Atem zu haben. Dieser Grundsatz gilt in Deutschland, als ein Land mit hohem Organisationszwang, alleine schon für die zu erledigenden Formalitäten. Längst nicht alle Unternehmensgründungen sind erfolgreich, im Gegenteil. Abhängig von der Branche, verschwinden 4 bis 8 von 10 Unternehmen schon nach nur fünf Jahren vom Markt. Hinzu kommen die in Deutschland recht hohen Gründungskosten, wovon ein nicht unwesentlicher Anteil der Beratungsdienstleistung (Steuerberater, Anwalt, Finanzdienstleister usw.) zuzuschreiben ist. In der High-Tech-Branche sind enorme Gründungskosten eher die Regel als die Ausnahme. Der Gründer bzw. das Gründerteam riskiert eine hohe Verschuldung.

Warum also ein Unternehmen gründen?

Unternehmer entwickeln ihre eigene Persönlichkeit und leben von ihrer Idee, ihrem Konzept. Gründer, welche nur auf das schnelle Geld aus sind und nicht für eine Idee begeistert sind bzw. für diese Idee andere nicht begeistern können, werden kaum das nötige Durchhaltevermögen aufbringen, um ihr eigenes Unternehmen zum nachhaltigen Erfolg zu bringen.

Ist erstmal die Durststrecke (welche sich jedoch über mehrere Jahre, sogar über ein Jahrzehnt hinaus strecken könnte) sind die Erfolgschancen von technologiebezogenen Unternehmen überaus hoch und die Chancen stehen dann nicht schlecht, nach weiteren Jahren zum hoch dotierten Konzern zu expandieren.

Unternehmer sein bedeutet, sich selbst eine Perspektive zu geben, eigene Ideen verwirklichen zu können und, wenn Moral und Ethik Teil der Unternehmensphilosophie sind, die Menschen auf der ganzen Welt ein Stücken weiter zu bringen.

Sind Wirtschaftsingenieure ideale Unternehmensgrüner?

Nein, nicht unbedingt. Unternehmertum liegt eher in der Tätigkeit (“etwas unternehmen”) begründet, ein Unternehmer ist eine Person mit einer bestimmten, mit der Unternehmung harmonierenden Persönlichkeit. Unternehmer kann jeder werden, dazu ist keinerlei Ausbildung, nicht mal ein Schulabschluss notwendig. Unternehmer haben eine Idee, ausgearbeitet in einem Konzept.

Allerdings stehen Wirtschaftsingenieure als potenzielle Unternehmer beeindruckend gut dar, wenn der Wille zum Erfolg gegeben ist.

Der Erfolg des Konzepts und dessen Realisierung, wird nämlich um so wahrscheinlicher, je besser ausgebildet der potenzielle Unternehmer ist. Gründer müssen ihre Konzepte ausarbeiten und prüfen, Investoren konsiltieren, Gründerberatungen aufsuchen und den Markt beobachten, dabei müssen sie über aktuelle Geschehnisse und Trends gut informiert sein und viele kaufmännische Kenntnisse mitbringen.

Wirtschaftsingenieure dürften an dieser Stelle einen nicht zu unterschätzenden Startvorteil haben. Dies gilt insbesondere bei Unternehmensgründungen im technischen Bereich. Wirtschaftsingenieure sind sowohl im technischen Feld ausgebildet, als auch fit in der Betriebswirtschaftslehre. Gründerberater fordern folgendes Wissen von angehenden Gründern ab:

  • Fachliches Wissen (Kerngeschäft) – z. B. technisches Wissen über ein Produkt oder Verfahren
  • Kaufmännisches / Betriebswirtschaftliches Wissen (Organisation, Schnittstellen, Marketing, Vertrieb)
  • Sozialkompetenz (soziales Netzwerk, Einfühlungsvermögen usw.)

Die Sozialkompetenz ist etwas, was sich aus persönlicher Erfahrung ergibt und ist kaum und höchstens theoretisch in einer Hochschule erlernbar. Der nähere Fokus ist daher das durch Ausbildung erworbene fachliche und kaufmännische Wissen.

Der studierte Wirtschaftsingenieur kann Probleme in der Elektrotechnik lösen, Regelungssysteme nachvollziehen und entwerfen, technische Zeichnungen verstehen und  CAD-Software bedienen, kann Software gestalten und programmieren und Computer-Netzwerke aufbauen, weiß über die verbreitesten Werkstoffe sowie Fertigungsmöglichkeiten bescheid und ist sich im Bilde über die Möglichkeiten der Prozessgestaltung.

Ein Wirtschaftsingenieur versteht also sowohl Ingenieure und Techniker, kann sich in aktuelle Technikthemen besser einfinden als andere Wirtschaftswissenschaftler und hat sein technisches Verständnis zumindest im Studium bewiesen.

Der studierte Wirtschaftsingenieur kennt außerdem die Finanzierungs- und Investitionsrechnung, gängige Wirtschaftsmathematik, Marketing-Strategien, kann mit Bilanzen und andere Instrumente des externen Rechnungswesen umgehen, weiß das Unternehmen an Hand von Kennzahlen einzuschätzen und dadurch Entscheidungsspielräume abzuleiten, verfügt über Wissen zur Organisationsgestaltung und ist Experte im Technologiemanagement wie auch in Sachen Logistik- und Produktionsmanagement.

Der Wirtschaftsingenieur hat einen umfangreichen Einblick in die Betriebswirtschaftslehre. In sehr spezifische Themen der Wirtschaft kann sich ein Wirtschaftsingenieur dank seines Basiswissens schnell einfinden, werden Experten benötigt, kann er diese besser verstehen als jemand, der sich mit Wirtschaftswissenschaften bisher kaum auseinander gesetzt hat.

Nicht zu letzt, denn gerade dies zeichnet Wirtschaftsingenieure aus, ist Expertenwissen über Integrationsfächer wie Technologiemanagement, Logistik, Produktions-Prozessgestaltung und Fabrikplanung vorhanden. Gerade solches Wissen ist ein enormer Startvorteil bei der Realisierung von Produkten und der Errichtung, dem Aus-/Umbau oder der Revitalisierung von Produktionsstätten.

Letztendlich weiß ein Wirtschaftsingenieur vieles über ein breites Spektrum hinweg, er ist aber kein Experte – weder in der Betriebswirtschaftslehre, noch in den Ingenieurwissenschaften. Ein Unternehmer muss jedoch nicht alles im Detail wissen, für ihn ist es wesentlich besser, kennt er von Allem wenigstens die Basics. Er kann sich in verschiedene Probleme einfinden und dann alle seine Partner und Mitarbeiter auch fachlich verstehen.

Der große Nachteil des Wirtschaftsingenieurwesens ist der, dass Wirtschaftsingenieure selten an Grundlagenforschung beteiligt sind und damit auch wenig neue naturwissenschaftlich-technische Ideen selbst entwickeln. Es sind eben doch eher die Wirtschaftswissenschaftler, welche neue Wege in Sachen Management finden und es sind so gut wie immer die Ingenieure und Naturwissenschaftler, welche in ihrem speziellen Fach solchen Tiefgang finden, dass sie etwas gänzlich neues entdecken/-wickeln. Dies ist jedoch nicht besonders tragisch in Anbetracht der Tatsache, dass Unternehmen im Hightech-Bereich selten von nur einer Person ohne Partner gegründet werden.

Kleine Anforderungsanalyse

Es besteht eine Geschäftsidee über ein neues innovatives Produkt, welche umgesetzt werden soll. Es ist Kapital zu beschaffen, Marketing anzutreiben, Produktionsstätten zu betreiben, das Produkt zu realisieren und zu verbessern und alle weiteren, mit einer Gründung verbundenen Tätigkeiten auszuführen. Diese vielfältigen Aufgaben verlangen ein breites Wissen.

HerausforderungenIngenieur (z. B. Maschinenbau)BetriebswirtschaftlerWirtschaftsingenieur
Investoren finden, Amortisation ermitteln, Risikoanalysen aufstellen usw.wenig vorbereitet
gut vorbereitet
vorbereitet
Produktanforderungen ermitteln (Requirement-Analyse)gut vorbereitetwenig vorbereitetgut vorbereitet
IT-Infrastruktur ausbauengut vorbereitetwenig vorbereitetvorbereitet
Marketing-Strategie aufstellen, Konzepte ausarbeitenwenig vorbereitetgut vorbereitetgut vorbereitet
Grundlagenforschung und -entwicklunggut vorbereitetunvorbereitetunvorbereitet
Technische Zeichnung, Konstruktiongut vorbereitetunvorbereitetvorbereitet
Rechte einschätzen, Steuern, Personalunvorbereitetvorbereitetwenig vorbereitet
Ext. Rechnungswesen, Buchhaltungunvorbereitetgut vorbereitetvorbereitet
Fertigungsplanunggut vorbereitetunvorbereitetvorbereitet
Prozessplanung, Produktionsstätten-Planung, Fabrikplanungvorbereitetwenig vorbereitet
vorbereitet
Produktionsmanagement, Logistikplanungvorbereitetvorbereitetgut vorbereitet
Int. Rechnungswesen, Erfolgsrechnung, Kennzahlenwenig vorbereitet
gut vorbereitetgut vorbereitet
Qualitätsmanagementgut vorbereitetwenig vorbereitet gut vorbereitet
Vertriebvorbereitetvorbereitet gut vorbereitet

Dargestellt sind eher die Tendenzen. Tatsächlich ist die jeweilige Eignung selbstverständlich abhängig von den Studienschwerpunkten (welche von Hochschule zu Hochschule und Studiengang zu Studiengang unterschiedlich ausfallen), der privaten und beruflichen Erfahrung und nicht zu letzt auch von den Interessen der Person.